Abschied

23. Juli 2013. Die Reise beginnt, wie immer auch mit Abschied. Gehört leider dazu.

Abschiede sind nicht meine Stärke. Und nach diesen vielen wunderbaren Abschiedsfesten, Mittag- und Nachtessen, ein paar Bierchen oder zu einer Zigarre und Whisky, dachte ich, ich könne mich wegschleichen. Einfach mit Sack und Pack in den Kreuzlinger Stadtbus sitzen und los geht’s. Für einige Zeit zum letzten Mal der Flucherei der Chauffeure zuhören und ihren deftigen Fahrstil geniessen. (Doch, es gibt Ausnahmen, aber verglichen mit Frauenfeld oder Winterthur herrscht am Bodensee ein rauherer Wind auf den Strassen).

Zum Zug wären es dann nur noch ein paar Meter gewesen, und ich hätte diesen Moment des Abnabelns alleine ertragen können. Eine Art Heimweh, bevor man eigentlich weg ist. Wenn einem in potenzierter Form zu spüren bekommt, was man gleich zurücklassen wird.

So hätte es sein können.

Aber eines Tages, aus heiterem Himmel, sagte Markus: „Ich fahr dich dann zum Bahnhof“. In seinem Tonfall war diese deutsche Bestimmtheit zu hören: Du hast keine Wahl.

So sei es.

Ich habe es gerade noch geschafft meine Musiksammlung auf meine Reiseharddisk zu kopieren. Verdammtes iTunes Match, man hat die Musik überall und doch nirgends. Man gewöhnt sich so schnell daran, keine Songs auf den mobilen Geräten zu speichern. Heisst aber auch: ohne Internet, keine Musik. Dann das risikoreiche Unterfangen, ein Firmware-Update der Kamera und aller Objektive zu machen. Ja, heutzutage gibt’s das auch für Objektive. Scheint geklappt zu haben. Tolle neue Funktion: Focus Peeking. Egal. Hat sich jedenfalls gelohnt.

10:27 Es klingelt. Meine Knie sind jetzt schon wie Gummi. Ich werde abgeholt. Andrea und Markus stehen da. Ich schmeiss meine Elektronik in den vorhergesehenen Platz in der Tasche und ab geht’s. Parkplatz, Bahnhof, Bahnsteig. Und merke es gar nicht. Meine Gedanken überall und nirgendwo. Und ich ahnte es schon, es kommen noch mehr Freunde. Ich bin überwältigt. Schöner hätte es nicht werden können.

Als dann die Zugeinfahrt angekündigt wird, kommt der schwere Moment des Loslassens. Mir wird schlagartig klar, wie wir in den letzten Jahren noch stärker zusammengerückt sind, sich unsere Freundschaft noch weiter vertieft hat (nicht-anwesende eingeschlossen). Alle haben mich in diesen fast 16 Monaten der Vorbereitungszeit in meinem Vorhaben immer unterstützt. Ich kann nicht in Worte fassen, wie dankbar ich dafür bin.

Sprachlos.

Noch einige Umarmungen und ich sitze im Zug. Winke, winke.

Markus hat die ‚lost quote‘, den treffendsten Liedtext, dafür gefunden:

„…jetzt steh’n wir hier schwer bemüht,
dass der andere die grossen Tränen nicht sieht
Doch weisst du, was das Grösste ist,
Dass du echt mein bester Freund geworden bist“
~ Udo Lindenberg

Bis Zürich sitze ich nur da, in Gedanken vertieft, wehmütig. Erst später, als ich im RailJet nach Wien den Walensee passiere, entdecke ich die Schönheit der Natur wieder, den Konstrast zwischen den steilen Steinhängen und dem Wasser. Erst jetzt kommt Freude auf, das Reisefieber. Es geht los. Tatsächlich. Was vor Monaten, ja vor Jahren, vor Kambodscha jedenfalls, undenkbar war, ist nun Realität. Meine Auszeit, mein Sabbatical, oder ganz clichéschwanger: ‚bin dann mal weg‘ oder so.

Ein Traum geht in Erfüllung.

Veröffentlicht von

Ruggero De Pellegrini

PHOTOGRAPHER, DEVELOPER & INDIVIDUALIST

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