Wie im Flugzeug

Im RailJet der ÖBB von Zürich nach Wien und der erste Abend im russischen Zug nach Moskau
RailJet der Österreichischen Bundesbahnen bei der Einfahrt in Zürich HB. Juli 2013
RailJet der Österreichischen Bundesbahnen bei der Einfahrt in Zürich HB. Juli 2013

Der RailJet der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB düst teilweise mit 200km/h über die Schienen. Das fühlt sich an, wie in einem Flugzeug. Dies in einem sehr langen Tunnel bei Innsbruck. Ruhig und bequem. Zwei Attribute die ich auf anderen Zügen bald vermissen werde. Ausser einer lebhaften Familie, die in Landeck wieder ausgestiegen ist, war es an Board sehr angenehm. Ich konnte nun etwas lesen und schreiben. Die Zeit verflog eigenartig schnell. Noch keine Langeweile vom Zugfahren in Sicht. Gut so. Wäre ja nicht optimal, für die anstehende Trans-Sibirische Route.

Wien Westbahnhof ist sehr unspektakulär. Eine grosse Shopping-Mall mit Zuganschluss. Es wird umgebaut, Schliessfächer gibt es dann doch gleich bei Gleis 1. So kann ich die 2 Stunden Wartezeit überbrücken, ohne das gesamte Gepäck mit zu schleppen. Schnell was essen. Wie es sich auch später bestätigen wird, habe ich noch ein schlechtes Händchen für meine Essensauswahl (Fried Eggs beim Asiaten in Moskau? Hackts?). Ich habe nämlich für „Wienderwald“ entschieden. Der Türke wäre sicher besser gewesen. Das sollte ich doch wissen, nach Istanbul, Köln und Berlin. Wurde selten enttäuscht. Notiz an mich selbst: „Wenn Du am vorhandenen Essensangebot zweifelst, entscheide Dich für die Türkei“.

Fensterfront und Decke, Wien-Westbahnhof. Juli 2013
Fensterfront und Decke, Wien-Westbahnhof. Juli 2013

Nun ist noch Gelegenheit um einkaufen zu gehen. Ich brauche Proviant, denke ich. Jetzt noch den Rucksack aus dem Schliessfach holen und ab zum Gleis 8. Der Wagen ist schnell gefunden. Der Provodna, nimmt mir auch gleich die Tickets weg, zeigt auf die Reservierungsgebühr und ich verstehe nur noch „pay“. Hmm, meint er, ob ich wirklich so viel bezahlt habe oder will er das Geld nochmals einziehen. Ich schaue ihn entsetzt und böse an, vermutlich so echt wie Brad Pitt in „Burn After Reading“. Er weicht zurück, Hände hochhaltend. Wie es sich später herausstellt, ist er ein netter Kerl und hatte wirklich nur über den hohen Preis geschmunzelt. Ist halt wohl so, wenn man bei der SBB die Tickets kauft.

Schlafwagen von Wien nach Moskau Innenansicht. Juli 2013
Schlafwagen von Wien nach Moskau Innenansicht. Juli 2013

Bis Wien-Meidling hatte ich insgeheim die Hoffnung, das 3er Abteil für mich allein zu haben. Doch dann trat Pavel ein. Ein Moskauer „Director of Datacenter“ der jährlich einige Male geschäftlich ins Ausland muss. Lächelnd und mit Rucksack und Laptop bepackt, legt er alles hin und hängt sein Netzteil ans Stromnetz. Ich hatte mein Bett wohl zu früh bereitgemacht. Er muss noch etwas arbeiten und braucht eine Sitzgelegenheit. Dafür gibt es Wein, er schenkt mir auch einen Becher ein: anstossen und loshacken. Er sagt etwas von Viren analysieren, später wird er mich noch ein Datenbankmodell für ein Telefon-Abrechnungs-System präsentieren. Ich studiere auch etwas daran herum, aber diese Gehirnhälfte ist bei mir vorübergehend abgeschaltet.

Auf einmal klappt er das Laptop zu, hängt seine zwei Handys noch an den Strom und verhandelt mit dem „Ich geb dir dein Ticket nicht mehr“-Schaffner. Er erklärt mir später, er habe das 2. Klasse Abteil in ein 1. Klasse umwandeln lassen. Der Deal: wir sollen doch die nächsten Tage gelegentlich bei ihm Snacks und Drinks einkaufen. Gut. Ich habe nun dafür mehr Kopffreiheit bzw. ich kann aufrecht sitzen. Unvorstellbar, wie hier 3 Leute schlafen sollen.

Ich bin wohl noch etwas verwöhnt.

Veröffentlicht von

Ruggero De Pellegrini

PHOTOGRAPHER, DEVELOPER & INDIVIDUALIST

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