Come with me – fast

Von Wien nach Moskau passiere ich den Grenzübertritt in die Russische Federation in Brest. Diese Zollkontrollen haben es in sich.
Brest Central Station. Nach einem anstrengendem Grenzübertritt. Juli 2013
Brest Central Station. Nach einem anstrengendem Grenzübertritt. Juli 2013

Der Zöllner zwingt mich aufzustehen. Schaut mir ins Gesicht. Wie beim Passfoto-Fotoshooting lächle ich nicht. Meine Abteilkollegen sitzen regungslos rechts und links von mir. Ihr Blick geradeaus gerichtet. Etwas scheint mit meinem Pass nicht in Ordnung zu sein.

Wir sind wieder alleine. Pavel sagt nur: „stay calm“. Ich bin ruhig. Ich weiss ja, das alles stimmt. Nur muss ich die Zollbeamten und die Polizistin, die nun wieder den Raum betreten, davon überzeugen. Ich finde heraus, dass den Zollbeamten ein Stück Faden stört, der von meinem Pass weghängt. 3mm, mehr sind das nicht. Auch die dicke, durchsichtige Folie auf der ersten und wichtigsten Passseite stört. Italien muss wohl alles zukleben, und zwar richtig.

Wieder verlassen Sie den Raum. Ich sehe Leute am Zugfenster vorbeilaufen. Meine Kollegen kriegen den Pass wieder zurück. Pavels Pass sieht eleganter und ehrlich gesagt auch echter aus als meiner. Ich verstehe nun auch, warum ich seit Weissrussland nur noch Pässe von dicken Lederetui geschützt sehe. Die müssen immer wie neu aussehen. Sonst gibt es Ärger. Okay, dann halt Ärger.

Wieder zu dritt. Sie dürfen auch nicht gehen. Mein Pass hält nun auch den nötigen Drehgehstellwechsel auf. In der Russischen Union ist die Spurweite breiter, wegen einem Missverständnis, wie man sich schelmisch erzählt: Vor dem Bau der ersten Eisenbahn fragte man den Zaren, ob man die gleiche Breite wie auf „europäischem“ Gebiet übernehmen soll, oder breiter bauen soll. Und wenn breiter wie breit. Ihm war das scheinbar ziemlich egal und seufzte ein Wort das klang wie ein umgangssprachlicher Kosenamen für das männliche Glied. Die Ingenieure scheinen sich dann diesen kleinen Scherz erlaubt zu haben. Bezeichnet wird das heute als „Russische Breitspur“. (Attention: Lost in translation! In Wirklichkeit wurde die „Russische Breitspur“ natürlich von der in 1842 in den Südstaaten Amerikas eingesetzten Spurweite abgeleitet.)

Falls Verspätung entsteht, bin ich also Schuld. Sehr gut. Jetzt kommt noch eine Dame hinzu. Sie hat nun anhand meiner Visa verstanden, dass ich die Trans-Sibirische Route fahre, also das Russische Hoheitsgebiet sicher wieder verlassen werden. Pavel hat mich noch auf die Idee gebracht, eine ID oder ähnliches zu zeigen. Ich zücke meine Schweizer C-Niederlassungsbewilligung. Das scheint die Gemüter zu beruhigen. Ich bin durch. Wir sollen uns beeilen, der Zug muss unbedingt weiter. Wir packen unsere Taschen und laufen los. Beim Versuch, den Zug zu verlassen, stoppt mich der Zöllner wieder. Ich nicht, meint er: mein Transitvisum für Weissrussland erlaubt mir nur die Durchfahrt. Ich gebe mich geschlagen, winke Pavel zu: bis später. Bereits verhandeln Babuschkas mit mir über mein Nachtessen. Kartoffeln, darauf hätte ich jetzt Lust.

„Come with me – fast“ ertönt es auf einmal. Pavel, aufgeregt erscheint er wieder in der Tür. Ich soll kommen, schnell. Er hat irgendwie den Zuständigen überzeugt, dass ich nicht in Belarus absteigen will, er mir aber die feinen Spezialitäten zeigen will, die das Land zu bieten hat. Ich gehe mit.

Hier sitze ich nun mit Pavel. In einem Restaurant in Brest, Weissrussland. Ich fühle mich, als hätte ich das Land illegal betreten, da ich nicht sicher bin, welchen Zuständigen er gefragt hat. Die Zöllner waren schnell weg. Über die Gleise haben wir das Werkgebiet der Staatsbahnen verlassen. Auf einer breiten Brücke zeigte er mir den Bahnhof, dort wird unser Zug in 2 Stunden stehen. Jetzt müssen wir erstmal je 250’000 Weissrussische Rubel aus dem Automaten lassen. Das reiche für ein normales Nachtessen. Mit diesem Wechselkurs bin ich nicht vertraut, er überzeugt mich aber damit, dass er den Betrag zuerst selbst abhebt.

Pavel war von Anfang an sehr freundlich. Nach der ersten Übernachtung im Schlafwagen hat er mir schon in Warschau mit zum Frühstück genommen. Ein Café mit WIFI natürlich. Eine gemütliche Stunde bei Kaffee und Kuchen. Jetzt im Restaurant übersetzt er mir die gesamte Karte. Ich entscheide mich schnell für den gebratenen Lachs. Leider kam der nicht so gut gebraten und ich lasse einen grossen Resten übrig.

Lilian and Yuri. It was Yuri's 45th birthday and Pavel and I where invited to some vodka with them.
Lilian and Yuri. It was Yuri’s 45th birthday and Pavel and I where invited to some vodka with them.

Wir wurden zum Glück noch von Yuri zu ein paar Vodka eingeladen. Das desinfiziert den Magen. Yuri feierte mit seiner grossen Liebe Lilian seinen 45 Geburtstag. Immer wieder entschuldigte er sich bei uns für die laute Musik. Aber er müsse mit ihr tanzen, und das ginge nur bei (lauter) Musik. Da wir die einzige Gäste waren, war das einfach zu organisieren. Dafür bat er uns an seinen Tisch. Lilian war köstlich amüsiert und sagte nur noch „Adriano Celentano“ weil ich etwas auf russisch ähnlich ausgesprochen habe. Yuri hat nun meine Telefonnummer. Warum auch immer. Vodka halt. Noch eine paar dicke Umarmungen zum Abschied und ab auf den Zug. Tschüss Yuri und Lilian.

Veröffentlicht von

Ruggero De Pellegrini

PHOTOGRAPHER, DEVELOPER & INDIVIDUALIST

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