Mein Bett ist besetzt

Auch in einem Schlafwagen können Leute bei jedem Halt zusteigen. Nur weil man am Startort zu zweit im 4er-Abteil ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es auch so bleiben wird.

SpeisewagenSchon als ich aus dem Speisewagen in den Wagen 11K eintrat, merkte ich, dass sich etwas verändert hatte. Wir hatten in Yaroslav einen längeren Halt eingelegt und dort sind einige Leute zugestiegen. Ich sass während der Zeit im Speisewagen. An der Tür zu meinem Abteil stand nun ein Mann man, suchend zu mir schauend. Vielleicht irre ich mich: das ist sicher das Abteil daneben. Dort angekommen, schaue ich auf das Bett, das ich für meines hielt. Ein Kind liegt da, die Mutter daneben. 1 Jahr 4 Monate alt, lerne ich später. Ich versichere mich nochmals an der Abteiltür, dass die richtige Nummer geschrieben steht. Nummer 9. Ja, mein Bett, aber nirgends kann ich meine Sachen sehen. Das war ein 4er Abteil, ich zähle nun Fünf und hoffe insgeheim das Kleinkind zählt nicht, denn es wäre schade, jetzt das Abteil wechseln zu müssen. Ich habe mich bereits an meine Mitbewohnerin Olga gewöhnt, sagen wir, mit ihr angefreundet, auch wenn wir kaum kommunizieren können.

Olga ist eine 77-jährige russische Lady und sie stieg wie ich in Moskau ein. Ich hatte als erster das Abteil bezogen, da betrat sie, mit zwei Männern das Abteil, vermutlich ihr Sohn und ihr Neffe. Zuerst schaute sie etwas konsterniert, wie ich sicher auch. Der eine Mann fragt mich noch kurz, woher ich kommen würde. Das war also geklärt, kein Russisch aber er war beruhigt zu hören, dass ich auch der Schweiz komme. Zuerst dachte, da habe ich nun die russische Familie, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wir sind zu viert, das Abteil ist voll. Gut, darauf kann ich mich einreichten. Doch zu meinem erstaunen verliessen die beiden Herren kurz vor Abfahrt den Zug wieder. Natürlich, das konnte kein Gepäck für 3 sein. So, nun also mit einer russischen Grossmutter auf grosse Zugfahrt.

Speisewagen Aussenansicht. Zug #070 von Moskau nach Irkutsk. Juli 2013
Speisewagen Aussenansicht. Zug #070 von Moskau nach Irkutsk. Juli 2013
Kaum waren wir beide eingerichtet, rollte auch schon der Zug los. Olga redet mit mir Russisch ohne zu zögern und erzählt mir aus ihrem Leben. Nur mit meinem Phrasebook und mit ein paar deutschen Worten erfahre ich, dass sie diese Strecke gratis fahren darf. Das hat mit etwas zu tun, dass sich zu Kriegszeiten in Leningrad (das heutige St. Petersburg) ereignete, glaube ich zu verstehen. Sie erzählt mir von ihren 4 Brillen, die sie braucht, weil sie ein ein Leiden an den Augennerven hat. Das Lesen der kleinen Schrift in meinem Buch strengt sie sehr an und sie muss bald aufgeben. Sie erklärt mir noch, dass sie in Irkutsk lebt und dort auch einer ihrer beiden Brüder wohnt. Sie wird als auf der gesamten Strecke meine Mitbewohnerin bleiben.

Doch kann ich bleiben? Werde ich umquartiert? Der etwas fest gebaute Familienvater hat bereits die Provodnitsa geholt. Provodnitsas sind die „Schaffnerinnen“ an Board. Jeder Wagen hat zwei und sie sind verantwortlich für alle Belange der Reisenden. Sie haben such die Hoheit über alle Entscheidungen im Wagen. Wenn es Diskussionen gibt, werden sie gerufen. Ihr Wort gilt, keine Widerrede. So steht sie nun da, schaut mich an, zeigt aufs Baby auf mich und aufs Bett oben. Vorhin noch verdeckt von dem Mann, sehe ich nun auch meine Sachen. Ich nicke und lächle. Alle atmen tief durch, die Provodnitsa zieht ab und ich lasse die Kleinfamilie sich einrichten. Klar, dass es einfacher ist mit einem Kleinkind in der unteren Etage. Jetzt sind wir zu fünft in einem Abteil für die erste Nacht im Zug Nummer 070.

With my shiny new star spangled tennis shoes on
I’m afraid of everyone, I’m afraid of everyone
Matt Berninger, The National

Ich gehe zu meinem Erstaunen mit der Situation recht locker um. Das war eine meiner grössten Sorgen. Wie komme ich mit solchen Situationen klar? Viele Menschen, kleiner Raum, keiner spricht meine Sprache. Nein, ich muss mich entschuldigen: ich spreche ihre Sprache nicht. Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch. Keine bringt mich gerade wirklich weiter. Aber es funktioniert irgendwie. Vorerst lasse ich die Familie und Olga für sich, etwas Ruhe finden. Sie werden bis Ekaterinenburg mit uns fahren. Ich schlendere wieder zurück in den Speisewagen, wo ich vorhin schon war.

Gegen 22:30 beziehe ich mein Schlafquartier. Schnarchen ertönt schon aus meiner Kajüte. Ich versuche, niemanden zu wecken, ziehe mich zu Bett Nr. 10 hoch. Alles liegt bereit, iPhone und Kopfhörer, mein Schlaf-T-Shirt. Ich lege mich hin, drücke die Play-Taste und The National’s Matt Berninger singt für mich „I’m afraid of everyone, I’m afraid of everyone“. Welch Ironie. Ein Lächeln geht über mein Gesicht. So macht Reisen Spass.

Veröffentlicht von

Ruggero De Pellegrini

PHOTOGRAPHER, DEVELOPER & INDIVIDUALIST

2 Gedanken zu „Mein Bett ist besetzt“

  1. Hast du dich im Vorfeld einmal zu deinem Reisegepäck/Ausrüstung geäussert? (Für den unwahrscheinlichen Fall, dass du einmal nichts anderes zu berichten hättest… mich würde das interessieren. :))

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.