Elstei Ger Lodge, Mongolia. August 2013

Mongolia

Die Mongolei, ewige Steppe, freilaufende Pferde und Autofahrten quer durchs Land

„Ein Auto ist kein Pferd“ denke ich mir. Als wir in einem mir unbekannten japanischem Kleinwagen durch die mongolische Steppe fahren. Die Mongolen habe eine Eigenart: wenn keine Strasse direkt zum Ziel führt, basteln sie sich eine neue, und zwar entlang der hügeligen Landschaft. Das eben nicht nur mit 4WD Minivan oder Land Cruiser, sondern mit kleinen 70 PS Kleinwagen. Dazu kommt, dass wir zu sechst in unserem Amphibienfahrzeug unterwegs sind, und unsere Tour Guide, mit allem Respekt, etwas fülliger daherkommt. Ich sass zuerst im Fahrzeug, und als ich die Situation analysierte, fragte ich die Dame, ob denn die Australischen Gäste nicht mitkämen. „Natürlich, die sind nur spät dran“. Kein Verständnis für meinen fragenden Blick „Wo sollen denn die noch hin“.

Also fahren wir los. Zu einer Nomadenfamilie soll es gehen. Anders als geplant, übernachten können wir dort nicht. Das Wetter ist zu unbeständig und bei Regen sollte man nicht in einem Ger am Boden schlafen, da leicht Wasser durchlaufen kann. Ich bin aber nicht unglücklich darüber. Ich finde, man sollte einer Familie die Privatsphäre lassen und sie nicht als Zoo ausstellen. Darum gibt es nur ein Mittagessen mit der Familie. Ein halbe Stunde bis 40 Minuten waren wir unterwegs. Den Geruch eines überlasteten und überhitzten Motor regelmässig in der Nase. Vorne ein riesen Gelächter. Der Fahrer hat so viel Spass an der Fahrt, dass er uns alle ansteckt. Trotzdem wirkt der Weg etwas länger als nötig. Endlich am Ziel, nimmt mich meine australische Reisebegleitung auf die Seite und zeigt zu einem Ger-Camp etwas 2 Kilometer Luftlinie. „Wir hätten auch laufen können“, da ist unser Camp. Und tatsächlich, ein halbstündiger und sogar noch interessanter Fussmarsch hätte das sein können. Das kam aber nicht in Frage für unserer Reiseführerin.

Das Ger der Nomadenfamilie war sehr eindrücklich. Etwas grösser als das 3er-Ger, das ich im Camp alleine bewohne, dafür leben hier aber 5 Personen. Eine Batterie fällt mir auf. Sie ist an Sonnenkollektoren angeschlossen. Daneben stehen Radio, ein kleiner Fernseher und Ladegeräte für Handys. 3 Betten stehen im Kreis angeordnet, in der Mitte ein Holzofen, mit dem gekocht und gewärmt wird. Einige Kommoden für Kochutensilien und sonstiges Hab und Gut. Ich setze mich neben die Grossmutter hin. Die Situation ist etwas unbehaglich. Ich fühle mich als Eindringling und möchte gar nicht mehr hier sein. Ich werde auch kein einziges Foto schiessen, niemand von uns. Alle denken das Gleiche. So sollte das nicht sein. Aber gastfreundlich ist sie, diese sympathische Nomadenfamilie. Die Frau des Familienoberhauptes kocht für uns eine Nudelgericht mit Hammelfleisch. Es wirkt von der Konsistenz her etwas wie Älplermagronen, anstatt Käse ist es aber Fett. Schmeckt ganz gut, die Portion ist für mich aber etwas gross. Dazu gibt es Tee mit viel Milch, aber geschmacklos. Dauernd wird nachgeschenkt, komme mir vor wie in Köln, wo man das Glas zudecken muss, um kein neues Bier mehr zu bekommen.

Dauernd kommen Leute rein, Freunde der Familie, Verwandte. Essen kurz mit, begutachten uns. Alle gut gelaunt und auch der Hausherr, mit seinen stechenden blauen Augen und dem verlebten Gesicht, nimmt mich einige Male ins Visier. Beeindruckend charismatisch, dieser Herr. Kommunizieren können wir nur über unsere mongolische Begleitung, sie macht aber die Kommunikation zur one-man show und übersetzt nicht, sondern interpretiert und erzählt den Parteien jeweils Geschichten über das Gesagte. Frage und Antwort-Situationen gibt es kaum. Irgendwann steht sie auf, und wir übergeben noch kurz ein Geschenk für die Familie.

Reiterstandbild des Dschingis Khan. Mongolei. August 2013
Reiterstandbild des Dschingis Khan. Mongolei. August 2013
Dann kommen wir zum Nationalstolz der Mongolen: ziemlich weit ausserhalb von Ulaanbaatar wurde eine Stahlfigur von Chengis Khan aufgebaut, ca. 45m hoch, ein Ungetüm. Chengis auf einem Pferd, mit Schwert, natürlich. Für mich eher unverständlich, eine riesige, unnötige Touristenattraktion, erst ein paar Jahre alt. Souvenirshop und Museum inklusive. War nun Chengis wirklich Mongole und wirklich so ein Held? Im Museum werde aber doch sehr beeindruckend und schön angeordnet Relikte aus verschiedenen Zeitepochen präsentiert. Nun wollen wir Gäste langsam zurück ins Camp, der Souvenirshop muss aber besucht werden, sie besteht drauf. Inzwischen merken wir eine gewisse Unruhe. Lächelnd schleppt sie uns noch zur Pfeilbogenschiessanlage neben dem Parkplatz und lässt uns in einem fast zusammenbrechenden Pavillon platz nehmen. Ja, wir haben es auch schon gemerkt, der Fahrer ist weg. Und er scheint sein Telefon auch nicht abnehmen zu wollen. Als wir es satt haben zu warten und zu Fuss zum Camp zurück wollen, fährt er dann doch vor. Als wäre nichts gewesen, bittet sie uns einzusteigen.

Elstei Ger Lodge, Mongolei. August 2013
Elstei Ger Lodge, Mongolei. August 2013
Das Camp, endlich zurück. Der Anblick ist noch genauso beeindruckend wie bei der ersten Fahrt in die Steppe. Damals, aus Irkutsk kommend, wurden wir morgens um 6:30 am Bahnhof abgeholt. Schon beim Aussteigen viel uns der umtriebige Bahnhof auf. Ulaanbaatar ist eine moderne, aufstrebende Stadt in der viel gebaut wird. Hochhaus an Hochhaus. Doch in jedem Hinterhof und Garten hat es immer noch Platz für die Gers. Zuerst war eine Tour durch die Stadt geplant. Kloster, Monumente, Frühstück mit Teigtaschen, Kaufhausbesichtigung usw. Dann die Fahrt in die Steppe. Was für ein Spass, mit einem 4WD Fahrzeug 2 Stunden auf vielfach unbefestigten Strassen unterwegs zu sein. Das Bild bei der Ankunft war wirklich umwerfend. Endlose Weite, umgeben von ein paar Hügeln. Nur ein paar Gers und ein Haupthaus mit Restaurant und Sanitäranlagen.

Ich in meinem Ger. Elstei Ger Lodge, Mongolei. August 2013
Ich in meinem Ger. Elstei Ger Lodge, Mongolei. August 2013
Mein Ger ist so was von gemütlich. Der Ofen ist bereits eingheizt, heisses Wasser für Kaffee oder Tee steht bereit. Das Bett ist sehr bequem. Kein Internet weit und breit, aber Strom für meine Kamera und Laptop. So kann ich nach meinen morgendlichen Spaziergängen etwas Lesen oder an Fotos arbeiten. Das Essen ist auch sehr gut, und mongolisches Bier ist nicht zu verachten. Dann sind da noch die Pferde, die meist frei herumrennen und sogar zum weiden direkt bis an die Gers herankommen. Und ja, ich bin in der Mongolei zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Pferd geritten. Was für ein Erlebnis, und der Muskelkater danach… Eine grössere Herausforderung war es die fermentierte Milch zu trinken. Ein Nachgeschmack von verderbenden Früchten, so hat es geschmeckt. Aber nichts anmerken lassen war die Devise.

Ich würde sofort wieder in der Elstei Ger Lodge absteigen, und kann es jedem empfehlen, der Natur und Abgeschiedenheit wünscht. Die Mongolei ist einen Besuch wert.

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Veröffentlicht von

Ruggero De Pellegrini

PHOTOGRAPHER, DEVELOPER & INDIVIDUALIST

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