Ganden Sontseling Monastery. Shangri-La County, Tibet, China. August 2013

Ganden Sumtseling Monastery

Ganden Sumtseling Monastery. Shangri-La County, Tibet, China. August 2013

Das Wetter ist wieder unbeständig. Etwas zu unsicher für ein Trekking-Tour in den Nationalpark. Jedenfalls für mein Equipment. Mit einigermassen leichtem Gepäck zu reisen, bedeutet halt auch für gewisse Exkursionen in Sturm und Regen nicht optimal ausgerüstet zu sein. Bereuen tue ich das nicht, schon einige Male war ich froh, weniger dabei zu haben, als meine Backpacker-Kollegen.

HausschweineTrotzdem verspüre ich den Drang nach Bewegung. Ich entschliesse mich für den Besuch der Ganden Sumtseling Monastery, etwa 5km ausserhalb von Stadtmitte. Der Weg durch ‚Old town‘ ist ja noch charmant, der Rest der Stadt ist aber so unattraktiv wie jede andere „moderne“, chinesische Stadt. Vielleicht pragmatisch effizient, aber nicht schön und bequem. Unfertig und zusammengebastelt wirkt die Stadtplanung. Gehwege sind uneben, aufgebrochener Beton, zerfallende Blumentöpfe. Ich komme an einem kleinen Markt in einer Einkaufsstrasse vorbei. Pilze werden hier gehandelt. Weiter im Aussenbezirk fallen mir Outdoor-Billardtische und kleine Imbissläden auf. Hausschweine kreuzen meinen Weg. Alles ist ziemlich dreckig und unaufgeräumt. Man beobachtet mich interessiert, grüsst mich mit einem Lächeln oder mit Unverständnis. Entweder gibt es einen angenehmeren Fussweg zum Klosterkomplex „Sumtseling“ oder ich bin wirklich der Einzige, der anstatt Bus oder Taxi zu nehmen, den Weg unter die Füsse nimmt.

An einem grossen, neumodisch wirkenden Museumsgebäude weist mich dann eine Wache darauf hin, dass ich ohne Ticket nicht weiterkommen. Ich frage, ob ich auch zu Fuss zum Tempel darf. Natürlich, wenn ich unbedingt laufen will, aber nur mit Ticket. Dieses kostet mich RMB 115, das sind ca. CHF 17.–. Die Zweithöchste Summe, die ich für einen Eintritt bezahle. RMB 200 (CHF 30.–) habe ich für den Potala Palast in Lhasa bezahlt. In einigen Internetforen habe ich gelesen, wie sich andere Reisende über die Wucherpreise für die Tempel aufregen. Die dauernden Preiserhöhungen als inflationär und ungerechtfertigt empfinden. Ich sehe das etwas pragmatischer. Wenn es einem nicht passt, kann man es sein lassen. Ich habe in Lhasa von meinem Tour-Guide erfahren, dass eine kleine tibetische Familie auf einer Pilgerfahrt in den Jokhang-Tempel in Lhasa oft über 1’000.– RMB (CHF 150.–) für Spenden, Butter für die Kerzen oder für Flüssiggold für die Statuen ausgibt. Eintritt zahlen sie nicht oder nur einen symbolischen Beitrag von 1 RMB. Die Spenden, wie auch das Geld für die Eintritte, kommt dem Tempel oder Kloster und den Mönchen zugute. Ich denke, die Preissensibilität mancher Touristen ist übertrieben.

Ganden SongtsenlingMit der erstanden Eintrittskarte kommen ich nun weiter. Von einem Aussenbezirk verwandelt sich die Umgebung nun zu einer offenen Landschaft mit einer gut ausgebauten Landstrasse. Nur ein Herr hat die gleiche Idee und läuft den Hügel hinauf. Vermutlich eine einheimischer, der nur zur nächsten Siedlung will. Ein Tourbus nach dem anderen überholt uns hupend. Endlich raus aus der Stadt. Bald kommen ich auch zu einem Aussichtspunkt. Vor dem Ganden Sumtseling Kloster gibt es einen kleinen See, der mit einem Holzsteg ausgebaut ist. Dieser wird, wie alle heiligen Stätten, im Uhrzeigersinn umlaufen. Von weitem sehe ich nun das Kloster. Die goldig funkelnden Dächer der Hauptgebäude grenzen sich stechend vom wolkenverhängten Himmel ab. Nun fühle ich mich bestätigt, nicht den Bus genommen zu haben. Dieser fährt direkt hoch, kein Mensch ist momentan auf dem Steg unterwegs. Ich geniesse die kurze Verschnaufpause. Leider scheint der See etwas am absterben zu sein. Überall Algen, Fische liegen apathisch im trüben Wasser herum.

Ich laufe zum Haupttor der Klosteranlage vor, die eigentlich ein kleines Dorf ist, bestehend aus verschiedenen Tempeln und Wohnhäuser. Zwei Stunden brauche ich, um alles zu erkunden. Wie in allen tibetischen Tempeln ist es verboten, in den Räumlichkeiten zu fotografieren. Mönche lächeln mir zu, vermutlich weil ich der einzige westliche Gast weit und breit bin. Interessiert werde ich von chinesischen Touristen gefragt, woher ich stamme. Switzerland, noch nie gehört, oder vielleicht nicht verstanden. Sie bedanken sich für die Auskunft.

Ich werde mit mir unverständlichen Worten gesegnet, als ich in Gegenwart eines Mönchs etwas Geld spende. Ein Teil des Kloster wird renoviert. Beeindruckend sind diese Wandgemälde und übergrossen Buddhastatuen schon, auch wenn eine etwas übertriebene Huldigung für meinen Geschmack.

Arro Khampa BistroFür den Rückweg den Hügel hinunter gönnen ich mir den Gratisbus, in die Stadt laufe ich aber abermals. Der Spaziergang scheint mich müde gemacht zu haben. Nach einem Nachtessen in einem wunderschönen Tibetischen Restaurant Arro Khampa, das neben französischen Chansons sogar Ska, Johnny Cash und Jimmy Hendrix spielte, schlief ich die ganze Nacht durch. Nicht einmal das vom Hotelbesitzer erwähnte Erdbeben der Stärke 4.5 gegen 5 Uhr hatte mich nicht geweckt. Nur später, durch den Lärm meiner Nachbarn, wurde ich wach. Die Wände sind hauchdünn, und man könnte meinen, die Leute stehen im eigenen Zimmer. Nun gut, Zeit aufzustehen. Das Frühstück wartet.

Veröffentlicht von

Ruggero De Pellegrini

PHOTOGRAPHER, DEVELOPER & INDIVIDUALIST

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